Der ungetreue Schäfer
Vor vielen Jahren, als man im Gäu noch zahlreich Schafe hielt, hatte auch die Gemeinde Wangen für ihre Herde einen Schäfer angestellt. Jeden Morgen trieb er die Tiere aus und brachte sie abends getreulich nach Hause. Weniger treu war er jedoch in einer anderen Sache, die lange Zeit unaufgeklärt blieb. Es war zwar allen Hirten geboten, ein Beil auf den Weidgang mitzunehmen, um jederzeit Hecken, Häge und Gatter ausschneiden oder flicken zu können; dagegen war ihnen streng verboten, diese Äxte etwa zum Holzfreveln zu verwenden. Darin nun erwies sich der Schäfer als ein schlimmer Sünder. Wo er einen dürren Stock oder Stamm entdeckte, musste er sein werden, und solches Freveln verstand er so sicher zu verheimlichen, dass ihm niemand auf die Spur kommen konnte. Eines Abends kehrten die Schafe allein ins Dorf zurück. Der Schäfer wurde gesucht und auch gefunden, aber tot. Im Born lag er am Fusse der Hohen Fluh, neben ihm ein dürres Eibenstämmchen, mit dem er beim Abholzen über den Fels hinuntergestürzt war.
Quelle: P. Keckeis, M. Kully, Sagen der Schweiz. Solothurn, Zürich 1987. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch