Die Erdmännchen in der Rothachenschlucht
In der Nähe des Dorfes Brenzikofen hat die wilde Rothachen eine tiefe Schlucht ausgewaschen. Dort, wo bei geringem Wasserstand ein Wässerlein über die Felswand hinausspringt, führte früher eine Höhle tief in den Berg hinein. Sie diente den graubärtigen Erdmännchen lange Zeit als Wohnung. In der Nacht kamen sie zuweilen aus ihrem dunklen Versteck hervor und streuten Goldkörner in den Bach. Die Leute von Brenzikofen fanden das Gold und wurden reich. Manchmal stiegen die kühnen Wichte auf die Falkenfluh hinauf, mähten das Gras und rüsteten das Futter.
Trat der Bauer in den Stall, so waren die Kühe schon gemolken und der Nidel zu Butterballen verarbeitet. Einmal ging ein Bauer zu einem Schneider und liess bei ihm zwölf halbleinen Kleidchen machen. Er legte sie am nächsten Abend im Stall für die Erdmännchen zurecht.
Das muss sie sehr erzürnt haben, denn seither sah man sie nie mehr. Ein furchtbares Gewitter zerschlug die Felder und Gärten. Die Höhle in der Schlucht stürzte zusammen, und seither ist in der Rothachen kein Gold mehr gefunden worden.
Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch