Der unsichtbare Säumer
In Amte Oberhasli, zwischen Meiringen und Guttannen, erhebt sich ein jäher Fels, die Zuben, über welchen ein schäumender Wasserfall zu Tal stürzt. Auf dem Pfad, der neben Abgründen vorbeiführt, in welchen die Aare wild dahinschäumt, ist es nicht geheuer. Oftmals hört man Peitschenknall und das Geschell von Glocken, als ob Säumer mit ihren Mauleseln vorüberzögen.
Ein Säumer, der einst von Piemont über die Grimsel Wein, Reis und sonstiges italienisches Handelsgut ins Haslital säumte, hat durch Trug und Unrecht mit der gefälschten welschen Ware den Zorn der Talgeister auf sich geladen. Nun haben ihn diese nach seinem Tode verbannt, jährlich einmal den alten Passweg zu ziehen. Jeder aber, dem der unsichtbare Säumer begegnet, tritt angstvoll zur Seite, um den gespenstigen Reisenden seiner Wege ziehen zu lassen.
Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch