Der wilde Jäger auf Scheidegg
Mehr als vierhundert Jahre sind es her, dass an der grossen Scheidegg ein Senn lebte. Einst riefen ihn Geschäfte über Land. Doch ehe er von der Alp ging, wies er Alpknechte an, nachts die beiden Melkhaustore weit offenstehen zu lassen.
Als nun der Senn von ihnen gegangen war, wunderten sich die Knechte, was wohl geschehen würde, wenn sie seinen Befehl nicht befolgten. So schlossen sie einmal nachts die beiden Türen zu. Als nun im Tale die elfte Stunde geschlagen hatte, erhob sich plötzlich in den Höhen des Gebirgs ein furchtbares Brausen, als bräche droben ein Gewitter los. Gleich danach rief es vor den Toren des Melkhauses mit mächtiger Stimme: «Macht auf die Tore, die Friesen ziehen über den Berg!» Zum zweiten und dritten Mal wiederholte sich der Ruf. Als aber die Knechte drinnen keine Antwort gaben, da wurde unter Donnerkrachen das Dach der Hütte hinweggerissen, dass man von innen die Sterne am Himmel sehen konnte. Und es ertönte ein schweres, dumpfes Getrab, als ritten viele Reiter mitten durch die Hütte.
Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch