Das gefangene Erdmännchen
Bei den Älplerfesten, die an gewissen Sonntagen im August die Sennen der benachbarten Alpen und Täler vereinigen, wie die Lenker und Adelbodner auf dem Hahnenmoos oder die Lenker und Lauener auf den Schneiten zwischen Rothorn und Stüblenen, pflegten einst auch die Erdmännchen sich einzufinden. Als nun einmal zwei gegen Abend wieder heimkehren wollten zum Alprisshorn, wo ihre Höhle lag, schlichen einige Lenker Burschen ihnen nach, fielen auf dem Grat der Alp Lafey über sie her. Es gelang ihnen, eins der Erdmännchen zu fangen. Flehentlich bat es um Schonung; allein sie liessen nicht ab, es auszufragen, am Bart zu zupfen und zu schlagen. Da rief ein anderes ihm zu: «Bei Leben und Sterben verrate nicht, was der Wachholderstrauch zu bedeuten hat!» Dieser Strauch verdeckt bekanntlich die Eingänge zu ihren Wohnungen, den sogenannten «Doggelistuben.» Die losen Burschen liessen endlich das Erdmännlein wieder frei. Seither aber sind sie verschwunden.
Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch