Der Mutter Sünde
In einem Hause der Brunngasse wollte ein junger Mann, allen Warnungen zum Trotz, in einer Dachkammer schlafen. Es ging gegen Mitternacht, als plötzlich sich das Gebälk zu öffnen schien. Ein heller Lichtstrahl drang in die schwarze Kammer, und in ihm erschien ein
verhutzeltes Weib, auf einen Krückstock gelehnt, mit einer Tracht bekleidet, wie man sie vor zweihundert Jahren trug. Das schaute den Schläfer lange, lange an und erhob dann drohend seine Hand. Erschreckt strich der ein Zündholz an. Ein Krach - die Gestalt verschwand. Alles war dunkel wie zuvor. Lange noch wälzte sich der Mann auf dem Lager herum. Was hatte er dieser Frau getan, dass sie ihm erschien und ihn erschreckte?
Da fiel ihm ein, was eine alte Frau ihm erzählte: So jemand eine Mutter hatte, die gegen die Gesetze der Sitte und des Anstandes verstiess, der ist vor dem Gespenst dieses Hauses nicht sicher.
Ein Mädchen kam abends von der Arbeit heim, da musste es plötzlich auf dem Wege zur Treppe stille stehen. Wie auf den Fleck gebannt war es, weder vor- noch rückwärts konnte es sich bewegen, und es dauerte lange, bis der Bann brach. Auch auf ihm ruht die Sünde seiner Mutter.
Aus: Hedwig Correvon, Gespenstergeschichten aus Bern, Langnau 1919
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch