Die Kindsmörderin
Vom Kloster in der Matte steht noch das Gemäuer des Klostergartens, von einer Tür unterbrochen. In gewissen Nächten steigt eine junge, schlanke Frau die Treppe hinan, mit einem Kind an der Hand. Sie scheint zu schweben. Mit der freien Hand rafft sie das faltige, weisse, langschleppende Kleid. Lautlos, langsam schreitet sie einher. Auch das Kind trägt ein Kleidchen, das so lange ist, dass es die Füsschen verdeckt und im Herabwallen die alten Stufen berührt. Lautlos steigen sie beide die Treppe hinauf, um in der Tür der Gartenmauer zu verschwinden. Da plötzlich, an einem bestimmten Punkt, bleibt die Mutter stehen und betrachtet lange ihr Kind. Und dann geschieht etwas Grauenhaftes. Sie packt es am Köpfchen und dreht dieses langsam auf dem Halse herum. Ein verzweifelter Schrei - ein Fall! Was aber zeigt sich dem entsetzten Blick? Keine noch so leise Spur des furchtbaren Verbrechens. Still, wie sie vordem gewesen, liegt die Strasse da. Vielleicht huscht eine Fledermaus durch die Laube, vielleicht kräht gerade der Hahn an der nahen Zeitglockenuhr.
Wer ist die Mörderin? Die Tochter eines Edlen, die verdammt ist, ihre Untat, mit der sie das Geheimnis ihres Lebens beseitigte, immer und immer wieder zu begehen.
Aus: Hedwig Correvon, Gespenstergeschichten aus Bern, Langnau 1919
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch