Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der Selbstmörder

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Region: Stadt Bern
Kategorie: Sage

In einem Hause der Badgasse geht es zu gewissen Zeiten um. In ihm wohnte ein hübsches Mädchen, armer Leute Kind, zu dem ein Patrizier Zuneigung gefasst hatte. Mit dieser Zuneigung war Wohlergehen ins Haus eingezogen. Es kam aber der Tag, da der Patrizier sich von dem Mädchen abwandte und die Armut in das bescheidene Haus wieder einzuziehen drohte. Das ertrug der Vater nicht. Er verschwand. Und als Fischer einst ihre Netze in der Aare auswarfen, da fanden sie seine Leiche.

Wenn alles im Hause still ist, alles zu schlafen scheint, dann vernimmt man ein Schleifen durch den Korridor, die Treppe hinan. Dann geht's auf dem Estrich los: ein Stöhnen und Keuchen. Der Deckel einer alten Truhe geht auf, fällt polternd wieder zu. Dann wissen die Leute: der Alte ist wieder da. Er besucht sein Haus, wiewohl seine Frau und seine Tochter längst gestorben sind. Den Stein, an den er sich gebunden, damit ihn die Wasser nicht mehr freiliessen, trägt er in der Hand. Den Strick, mit dem er sich festgeknüpft, legt er wieder in die Truhe hinein.

«Bist wieder da?» rief einst vorwitzig ein junger Bursche. Da fuhr ihm eine eisige Hand übers Gesicht, und ein eisigkalter Schauer liess seine Glieder wie im Tode erstarren.

Aus: Hedwig Correvon, Gespenstergeschichten aus Bern, Langnau 1919

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch