Die Fänggin Madrisa
Ein Jungknab von Saas fütterte eines Winters auf dem Bergsäss oberhalb des Dorfes seines Vaters Vieh. Da lange Zeit keine Kunde von dem Sohn kam, machte sich der Vater auf und ging nach der Alp, nachzuschauen, ob ihm vielleicht etwas zugestossen sei. Er traf den Sohn gerade beim Käsen. Aber wie musste er staunen über die reiche Fülle von Milch, Butter und Käse, und das Vieh war glatt und glänzend wie selten im Herbst nach einem guten Sommer. Und überdies war der Futtervorrat kaum angebraucht. Das nahm den Alten wunder. «Das hat die Madrisa getan», sagte der Sohn, «die hat mir geholfen, die Habe füttern. Gute Wurzeln und Kräutlein tut sie ins Futter; drum ist das Vieh so prächtig und sind der Molken so viel.» Und er deutete auf das Heulager in der Ecke. Darauf lag ein schönes wildes Mädchen und schlief, und seine langen goldenen Haarflechten hingen über die Lade heraus. Ab den Worten erwachte das Mädchen, erhob sich vom Lager und sprach zu dem Vater: «Ach, warum bist du gekommen? Wäre ich unerkannt geblieben, dein Sohn und ich hätten das Vieh hier gefüttert bis zum Frühling. So aber kann ich nicht länger bleiben. Nun muss ich zurück in Wald und Fels. Leb wohl, Job!» Und schon schwebte sie mit leichten Schritten über den Schnee den Felsnossen zu, die noch heute nach ihrem Namen heissen.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch