Das Bergmännlein
In Untervaz lebte einmal ein gar armer Mann. Er hatte ein Weib und fünf kleine Kinder zu ernähren, aber er hatte nur ein mageres Äckerlein und ein spärliches Mätteli. Eine baufällige Hütte, durch deren Klaffen und Klimsen der Wind pfiff, war sein Haus, und in einem elenden Ställi meckerte ein einziges Geisslein.
Eines Abends, als der Geissbub eintrieb, kam die Geiss nicht mit der Herde, und der Hirtenbub wusste nicht, was aus ihr geworden. Vielleicht hatte ein Lämmergeier sie geraubt und seinen Jungen ins Felsennest getragen. Dem Manne brach schier das Herz, dass seine Kinder keine Milch mehr haben sollten, und die Kinder weinten. «Seid nur still und geht zu Bett», sagte der Vater, «ich will morgen auf die Weide gehen und nach dem Muttli suchen.»
Vor Tag und Tau machte der Bauer sich auf und stieg bergan; er suchte von Tal zu Tobel, von Grat zu Grund, und so verging der Tag, ohne dass er das gute Tier gefunden hätte. Hungrig, durstig und todmüde, legte er sich unter eine Fluh, um dort auszuruhen, ehe er sich auf den Heimweg machte.
Wie er so dalag und sich in seiner Sorge schier hintersann, da sanken ihm die schweren Augenlider zu, und er schlief ein. Und da war ihm im Traum, als sehe er ein Männlein daherkommen, in ein weites, grünes Mäntelein gehüllt, auf dem Kopf ein spitzes, rotes Käpplein.
An der Hand aber führte es sein verlorenes Muttli. Aber das sah ganz fremdartig aus, so dass er’s fast nicht erkannte, denn es war über und über mit Schneckenhäuslein und Muschelschalen behängt. Das Männlein aber nickte ihm freundlich zu, breitete ein Tüchlein aus Bergflachs vor ihm aus, legte ganz kleine, weisse Gemskäslein darauf und stellte eine leuchtende Kristallschale dazu.
Und im selben ward der Bauer aus dem Schlafe geweckt von einem seltsam klingenden, singenden Ton, der vorüberschwebte. Erschrocken fuhr er auf, rieb sich die Augen und blickte um sich, und siehe, da stand die Geiss leibhaftig vor ihm, äugte mit grossen blanken Augen ihn an, meckerte vor Freude und schüttelte sich und rüttelte sich, so dass die Schneckenhäuslein und Muschelschalen durcheinander klapperten und klipperten. Und da lag auch das schneeweisse Flachstüchlein im Grase ausgebreitet, und darauf auch die Käslein und die Kristallschale, angefüllt mit frischer Gemsmilch.
Ausser sich vor Freude, streichelte und herzte der arme Mann das Geisslein, dann nahm er die Schale, trank die Gemsmilch, ass nach Herzenslust von den schönen Käslein auf dem Tuch. Und eben wollte er sich mit der Geiss auf den Heimweg machen, da trat plötzlich das Männlein, das er im Traume gesehen, vor ihn in dem grünen Mäntelein und dem roten, spitzen Hütlein und sprach: «Guter Mann, hab Sorg zu den Schneckenhäuslein und Muscheln, welche die Geiss an sich trägt und was sonst noch in ihrem Fell steckt. Lös daheim alles ab und lass es die Nacht über in dem weissen Tüchlein auf dem Tische liegen, und was du am Morgen findest, das wäge alles, lass es wohl schätzen nach seinem Wert, verkauf davon, was du willst, und halte gut und weislich Haus mit dem Erlös. Das Tüchlein aber und die Schale bewahre wohl und gib sie niemandem, und hältst du einst Haus im eigenen Hof und fährst hinauf in dein Maiensäss, dann vergiss nicht, alle Abend das Tüchlein auf ein Tischlein zu breiten vor der Hütte und die Schale mit frischem Nidel draufzustellen. Doch hüte dich wohl, je danach zu spähen, wer den Rahm trinkt. Tust du nach meinem Rat, wird immerfort Glück und Segen bei dir sein.» Mit diesen Worten war das Männlein geschwind wie der Wind verschwunden, so wie es gekommen.
Der Mann glaubte noch immer, er sei im Traum, als ihm schon die Kinder entgegensprangen und vor Freude jauchzten und jubelten, dass ihr liebes Muttli wieder da sei.
Sorgfältig las er dem Tiere die Schneckenhäuslein und Muschelschalen ab dem Fell und tat damit, wie ihn das Männlein geheissen. Und was meint ihr, was er am Morgen auf dem Tüchlein fand? Lauter Gold und Silber, und die Kügelein, die in den Haaren der Geiss gesteckt hatten, waren zu lauter glänzenden Perlen und funkelnden Edelsteinen geworden. Von Gold und Silber hatte der Arme schon sagen hören, aber von Perlen und Edelsteinen noch nie ein Wörtlein vernommen. Und so kannte er sich nicht aus in solchen Sachen. Drum liess er den alten Jos kommen, der schon weit in der Welt herumgekommen war und mehr konnte als andere Leute. Der tat ihm kund, was der gewonnene Schatz in Wahrheit wert war, und ging mit ihm Zu einem Goldschmied. Dem zeigten sie ein paar Stücklein zur Probe, und der Meister kaufte ihm den ganzen Schatz ab für eine unermessliche Summe. Aus dem Erlös kaufte der Mann ein schönes Heimwesen und Kühe und Geissen. Aber das liebste Tierlein unter der ganzen grossen Herde blieb ihm doch das gute Muttli, das ihm all das Glück zugebracht. Und oben in den Bergen kaufte er das schöne Maiensäss Artaschiew. Und nicht ein Mal vergass er, das Gebot des hilfreichen Männleins zu erfüllen. All Abend breitete er das Tüchlein auf ein Tischlein vor dem Hause und stellte die Kristallschale auf, bis zum Rande gefüllt mit dickem, weissem Nidel. Und nie hat er danach geschaut, wer wohl die Schüssel heimlich leere.
Als die Nachbarn sahen, wie der arme Hans über Nacht der reichste Mann im Tal geworden war und fortan in allem, was er an die Hand nahm, das Glück mit sich hatte, so dass ihm alles trefflich gedieh, da sprach wohl einer zum andern: «Der steht halt in Gunst und Bund mit dem Bergmännlein.»
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch