Die Goldhöhle
Einmal jagte der junge Herr von Hohensax im Walde. Auf einmal sah er im Fels eine Höhle, die er nie zuvor bemerkt hatte. Voll Gwunder trat er ein und kam in einen langen, dunklen Gang. Er ging weiter und stand bald vor einer festen Eisentüre. Behutsam drückte er das Schloss auf, und er schaute in eine Halle, so weit und gross, dass er kein Ende sah. Und ein strahlender Glanz blendete ihm die Augen; denn alle Wände waren aus purem Gold. Hunderte von kleinen Zwerglein mit langen, weissen Bärten bis über den Gürtel, in braunen Röcken und roten Käpplein, hieben und brachen mit Hämmern und Meisseln von den Wänden ganze Brocken und Mocken Goldes. Und von den Schlägen hallte und schallte das ganze Gewölbe wie von Glockengeläute. Die Männlein trugen das Gold in Körben nach der Mitte der Halle. Dort stand ein mächtiger Schmelzofen. In den schütteten sie das Erz, und das flüssige Gold floss in schmalen Rinnen ab. Staunend schaute der junge Ritter den kleinen Bergleuten zu. Da musste er plötzlich niesen, und die Zwerge schwirrten und irrten durcheinander verstörten Ameisen gleich. Den Ritter aber packte etwas wie ein Wirbel, riss ihn fort, schleuderte ihn durch Schluft und Kluft und warf ihn zuletzt in ein Wasser. Weit, weit über sich sah er einen schwachen Lichtschimmer, aber eh er sich recht besinnen mochte, fuhr ein Wassereimer herab. Er setzte sich darauf und wurde langsam emporgezogen, und bald war er oben am Rande des uralten Sodbrunnens im Hofe seines Schlosses. Die alte Küchenmagd, die eben Wasser trug, hatte ihn heraufgehaspelt, und so sehr ist sie erschrocken, als ihr Herr dem Eimer entstieg, dass es ihr eine Weile die Rede verschlug.
Seit jener Zeit aber hat nie wieder wer die wunderbare Goldhöhle gesehen.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch