Das Goldmännlein
Unweit von Sculms erhebt sich eine hohe Fluh, und mitten in den Felsen ist ein Stollen gehauen. Den bewohnte ein Bergmännlein, und es hütete das Gold, das in dem Berge war.
Nun lebte in Areza ein armer Mann, rechtschaffen und gottesfürchtig. Zu ihm kam einstens das Männlein und hiess ihn mitgehen, und es führte ihn tief ins Innere des Gebirges. Dort stand in einem Felsengewölbe ein grosser Krug mit flüssigem Gold. Das Männlein sprach: «Da nimm aus diesem Gefäss, so oft du willst. Nur hüte dich, es jemals ganz zu leeren. Und wenn du einst zu sterben kommst, dann magst du das Geheimnis einem guten, frommen Menschen sagen, den du liebst, und der tue dann so fort, wie du getan.» Der Mann tat, wie ihn das Männlein geheissen, und bald war er weit und breit der reichste Mann geworden. Aber nie hat er die Gabe missbraucht. Auf dem Sterbebett entdeckte er das Geheimnis seiner Tochter. Die aber trieb eines Tages die Habsucht, so dass sie den Krug bis auf den Boden leerte. Da verschwanden Gold und Krug. Der Berg schloss sich an diesem Ort, und das Bergmännlein ward von da an nicht mehr gesehen.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch