Von einer bösen Fänggin
Im Maiensäss auf der Matasa, einer einsamen Waldwiese am Hochwang, wartete ein Älpler einen ganzen Winter lang ganz allein sein Vieh. Da geschah es, dass von Zeit zu Zeit eine Fänggin in die Hütte kam. Das Weiblein gefiel dem Manne zwar gar nicht. Es war klein und verhutzelt, struppig wie ein Tannengrotzli, mit langem Flachshaar wie Baumflechten und stechenden Äuglein und spitzen Zähnen. Und wenn es dem Manne so mit dem Gaste auch nicht recht geheuer war, er fürchtete sich nicht; denn er hatte einen grossen, starken Hund bei sich. Und die Fänggin klagte und jammerte denn auch beständig, der Hund mache ihr Angst, und er solle ihn doch gut anbinden. «Nein», sagte der Mann, «das tu ich nicht, und dann hab ich auch keinen Strick zur Hand.»
«Wenn’s nur das ist, was fehlt», rief das Weiblein, griff sich in den Schopf und gab dem Manne eines ihrer Haare, beinahe so lang wie ein Pferdezügel. Der Senne nahm das Haar und ging mit dem Hund hinter den Ofen, band ihn aber nicht an, sondern hiess ihn nur mit leiser Stimme, sich niederlegen und stille liegen bleiben. Aber wie der Mann wieder hinter dem Ofen hervortrat, da sah er, wie das wilde Weiblein blitzgeschwind an den Wänden hinauflief, über die Gestelle hin und her sprang, mit den Zähnen bleckend, und ehe er sich's versah, war die Fänggin mit schrillem Gekreisch an ihm heraufgesprungen und packte mit ihren Krallen ihn an der Kehle. Der Älpler, ein starker Mann, wehrte sich aus Leibeskräften und rief seinem Hunde. Der kam mit einem Satz hinter dem Ofen hervorgeschossen und riss das Weiblein seinem Herrn vom Leibe. Da fuhr es wie's Wetter zum Fenster hinaus, der Hund hinterdrein, die Matten ab ins Tobel hinunter. Erst am andern Tage kam der Hund zurück, ganz blutig und keuchend und jappend, so erschöpft war das Tier.
Das Fänggenweiblein ist nie mehr dahin gekommen, und seither hat auch niemand mehr Fänggen im Gelände gesehen. Als aber der Mann nach einiger Zeit wieder einmal hinter den Ofen schaute, da fand er an der Stelle des Haares eine schwere Halskette, die einem Stier eben recht gewesen wäre.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch