Der Betbühl
Auf dem Waldbühl bei Ulrichen stund voreinst ein geheimmsvoller Baum. Der barg in einer Mulde ein seltsames Bild von unserer lieben Frau: das war nicht von Menschenhand gemacht, sondern es ist, wie man sagt, von selber aus dem Stamm herausgewachsen. Mitten in der Nacht konnte man von dorther hell die Glocken läuten hören: dazu erscholl der Gesang der Priester und ertönte Orgelklang. Nicht anders war es, als wenn vor versammeltem Volke feierliches Hochamt gehalten werde. Und deutlich sah man, wie Lichter hell leuchtend in die Nacht hinaus zündeten. Die Leute vermuteten, es seien die Engel des Himmels, die auf den Hügel herniederstiegen und dort Gottesdienst hielten. Ehrfürchtend schaute das Volk zu diesem Hügel hinauf und gerne zog es dahin.
Die Pfarrgeistlichkeit aber sah in dem allem nur einen gefährlichen Aberglauben und in dem Ort eine Stätte des Lasters; der Betbühl wurde zuerst zum Plederbühl, hernach gar zum Schletterbühl. Eine Kapelle, die dort errichtet werden sollte, wurde nicht gebaut, der Bischof verbot es. Aber gleichwohl hörte das Treiben nicht auf. Eines Abends aber stiegen zwei rüstige Diener der Kirche mit frischgeschliffenen Äxten hinauf auf den Hügel und fällten binnen kurzer Zeit den Wunderbaum, von dem das Volk glaubte, nie und nimmer könne Menschenkraft ihn fällen. Seither hatte auch die Mitternachtsmesse aufgehört.
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch