Die Donna di Valnüglia
In dem waldigen Hochtale Buffalora (im Münstertale) wohnten einst gütige Feen, und ein schönes, grünes Alpental breitete dort sich aus. Aber durch den Vorwitz der Bewohner wurden die Geister veranlasst, die Gegend zu verlassen, die seitdem verödete. An die Stelle der holden Feen ist später ein seltsames Gespenst getreten, die Donna di Vanüglia, eine weisse Frauengestalt, die aus dem Tale Nüglia herauskommt, und bei Tag und Nacht dort umgeht. Diese interessante Persönlichkeit war einstens Schaffnerin im Schlosse zu Zernetz und veruntreute viel Gut. Nach ihrem Tode ging sie, mit ihrem mächtigen Schlüsselbunde rasselnd, im Schlosse um, bis die Schlossherrschaft durch einen geschickten Geisterbeschwörer in das öde Tälchen Nüglia sie bannen ließ. Dort geht sie nun oft um, den Schlüsselbund am Arme; und was ihre Erscheinung noch grauenhafter macht, ist, dass sie keine Nase hat. Mit Vorliebe schreckt sie die Reisenden, die über den Ofenpass gehen, und hat gar Manchem schon durch ihr Schlüsselgerassel bös Wetter vorausgesagt.
Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.