Das Fräulein auf Schwarzenstein
In der Burgruine Schwarzenstein zu Obersaxen soll ein schwarzer Mann Nachts um Zwölf aus seiner Gruft heraufsteigen, mit einem Kästchen unter dem Arme. Er lehnt sich auf das Steingesimse neben dem niedern Eingange und stöhnt laut. - Beim Schalle der Morgenglocke verschwindet er im Waldesdunkel.
Vor Zeiten war der schattige Grund oberhalb der Burg ein beliebter Sammel- und Tummelplatz der Kinder. - Da kam einmal von der Burg herab ein Fräulein und machte die Spiele der Kinder mit. Die Kinder hatten sie lieb und zeigten keine Scheu vor ihr; und sie kam alle Male, wenn die Jugend sich hier herumtrieb und machte mit, und das viele Jahre durch. Das Fräulein redete aber nie ein Wort zu den Kleinen und gab selbst dann keine Antwort, wenn sie auch viele Male gefragt wurde. -
Einmal wagte ein böser Knabe wegen ihres stummen Wesens sie auszulachen, worauf sie anfing, zu reden und sagte: »Hättest du heute mich in Ruhe gelassen, hättet ihr Alle die Schätze im Schlosskeller bekommen und mich erlösen können, nun muss ich wieder fünfzig Jahre warten und trauern.«
Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.