Der Schächentaler und der Riese
Einst kam ein ungemein starker Schwyzer in das Urner Ländchen und plagierte da mit seiner Stärke und forderte alle Urner in die Schranken. Er wanderte bis in das Schächental und traf in einem Bergli eine kleine Familie von Vater, Mutter und zwei Söhnen. Von diesen letztern hatte er vernommen, dass sie weit und breit die stärksten. Doch waren der Vater und der eine Sohn gerade nicht zu Hause. Da setzte er der Mutter sein Vorhaben auseinander, es mit ihren Söhnen zu probieren. Die Mutter wich aus und sagte, der Vater und ein Sohn seien im Walde, und der jüngere Sohn sei im Keller und tiäg grad abnyddlä. Sie solle ihn rufen, verlangte der Riese. Das wollte sie nicht. Unterdessen kam aber der Bursche von selber aus dem Keller. Auf jeder seiner flachen Hände trug er eine mit Milch vollkommen gefüllte Mutte und stellte sie, ohne eine Miene zu verziehen, auf den Tisch. Der Schwyzer schaute mit grossen Augen zu. Dann reichte er dem Schächentaler die Rechte; dieser schaute ihm fest in die Augen, ergriff die Hand, drückte sie kräftig, dass das Blut unter allen Fingernägeln hervorquoll. Da hatte der Schwyzer genug; er verzichtete auf den Schwinget und ging talauswärts.
Josef Maria Müller, Unterschächen
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.