Hexe und Kindsmörderin
In einer Gegend wurden immer die neugeborenen Kinder getötet, und wenn man sie untersuchte, fand man auf ihren Köpflein eine kleine Wunde wie von einer Gufen. Ein Ehemann fasste nach und nach Verdacht auf ein gewisses Weibervolk und blieb, als ihn seine Frau mit einem Kind beschenkt hatte, eines Abends auf; er sass am Tisch, lehnte den Kopf auf seine auf der Tischplatte gekreuzten Arme und schien zu schlafen. Gegen Mitternacht kam eine Katze herein mit einer Gufen im Maul. Aber er schlief scheinbar weiter. Jetzt wollte sie auf das Kind los. Da packte er sie und warf sie auf die Diele hinaus, so heftig, dass er ihr ein Bein abschlug. Dann ging er ins Bett. Am Morgen lag jenes Weibervolk halbtot auf der Stubendiele; es fehlte ihm ein Arm, und es machte dem Mann bittere Vorwürfe. Aber dieser entgegnete kaltblütig, er habe eine Katze geschlagen und nicht ein Weib.
Fridolin Fischer, 70 J. alt
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.