Doppelgänger
Eines Sonntags im Heumonat machte ich in einem Nachbarhause Besuch. Ich hatte dasselbe noch nicht verlassen, und es war abends etwa um 7 Uhr, als ich meinen Vater im Sonntagsstaate, mit schneeweissem Hemde, rasiert, mit frisch geschnittenen Haaren über unsere Hausstiege herunter kommen und gegen die Kirche hinunter gehen sah. Ich war darüber sehr erstaunt und eilte nach Hause. Da war aber der Vater schon daheim beim Essen, im Werktagsgewand, unrasiert und ungeschoren. Im Herbst darauf starb er an einem Sonntag. Am Morgen hatte ich ihm noch ein weisses Hemd angelegt, hatte ihn rasiert und ihm die Haare geschnitten (d'Haar abghaut); am Abend war er eine Leiche.
Ja, wenn einem der Geist einer noch lebenden Person erscheint und er geht »zum G'wychtä« (gegen die Kirche, Friedhof), so muss diese Person innerhalb eines Jahres sterben.
Kommt er »vom G'wychtä«, so wird sie alt.
Mich haben sie auch einmal gesehen vom Dorf weg gegen den Acher herauf kommen, und ich bin jetzt 75 Jahre alt geworden.
Marianna Schmid, Hospental; Anton Senn, Wassen
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.