Ein merkwürdiger Kamerad
Unter dem Honigbirnbaum (ä Hingler isch g'sy) im sogenannten Seelenmätteli beim Pfarrhof in Erstfeld wollten sich zwei Burschen am Abend treffen; so hatten sie es miteinander verabredet. Als nun der eine von ihnen sich einstellte, siehe! da stand sein Kamerad schon unter dem Baum. »So, so, bisch dü scho da«, sagte er, indem er auf ihn losschritt. Doch der Kamerad läuft ihm davon um den Baum herum. Er lief ihm nach, in der Meinung, es gelte einen Scherz zu machen. Nachdem der Baum zum dritten Mal umkreist war, sprang der vermeintliche Freund in eiligem Laufe davon und setzte mit einem einzigen gewaltigen Sprung über die hohe Friedhofmauer hinweg in den Kirchhof hinüber, wo er sich erstellte und herausfordernd in die Hände klatschte. »Hed äso 'tätschlet«. Aber so klug war denn doch der andere, dass er die Herausforderung nicht annahm und dem Gottesacker fernblieb. Seinen nächtlichen Gang stellte er ein und ging, ohne länger auf den richtigen Gesellen zu warten, nach Hause.
»Ich dänkä, der uf'm Friedhof wär de fir-nä g'sy«, mutmasst mein Gewährsmann.
Zacharias Zurfluh
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.