Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der gefrässige Kürbis

Land: Nigeria
Region: Haussa
Kategorie: Formel-/Kettenmärchen

Es lebte einmal ein kleines Mädchen das hiess Furaira. Es lebte zusammen mit seiner Mutter Watapansa und seinem Vater Alabarma. Furaira war noch ziemlich klein. Wenn sie mit Mutter auf das Feld ging, so wurde sie manchmal noch auf dem Rücken in einem Tuch getragen. Von da aus konnte sie alles sehen. So sah sie auch einmal einen kleinen Kürbis. «Watapansa, ich möchte den Kürbis haben!» Watapansa aber sagte: «Der Kürbis ist noch zu klein. Er muss erst wachsen, du musst noch warten Furaira.» Furaira aber wollte nicht warten. «Ich will den Kürbis haben!», rief sie laut. Watapansa aber sagte wieder: «Warte noch, Furaira, bis der Kürbis grösser ist.»

Furaira wollte jdoch nicht warten und so fing sie an zu weinen. Sie weinte den ganzen Tag und weinte immer noch, als sie mit ihrer Mutter nach Hause kam. In der Hütte sass der Vater und er fragte: «Furaira, warum weinst du?» Watapansa erzählte ihm vom Kürbis. Der Vater schaute Furaira in die tränennassen Augen und  er schimpfte mit Watapansa: «Wenn Furaira den Kürbis haben möchte, musst du ihn holen gehen!» So musste die Mutter den langen Weg zurück gehen und für Furaira den Kürbis holen. 

Kaum kam Watapansa mit dem Kürbis zurück, so sprang dieser der Mutter aus der Hand und rollte zu Furaira. Diese nahm ihn glücklich in die Hand. Von diesem Tag an rollte der Kürbis Furaira hinterher und sagte immer: «Fleisch will ich fressen, Fleisch will ich fressen!» Da kamen die Leute aus dem Dorf angelaufen und riefen: «Seht, der kleine Kürbis läuft Furaira hinterher und will Fleisch fressen!»

Furairas Vater hörte davon und er sagte: «Bringt den Kürbis zu den Ziegen!» Sie brachten ihn zu den Ziegen und der Kürbis frass sie alle auf. Da brachten sie ihn zu den anderen Ziegen und die frass er auch alle auf. Er frass und frass, bis er hundertfünfzig Ziegenherden verschlungen hatte. 

Dann kam der Kürbis zurück zu Furaira und sagte: «Fleisch will ich fressen, Fleisch will ich fressen!» Furaira erschrak und erzählte es ihrem Vater. «Bringt ihn zu den Schafen!», befahl dieser.  Man brachte den Kürbis zu den Schafen und er frass und frass, bis er siebenhundert Schafe verschlungen hatte. 

Dann kehrte er zu Furaira zurück, rollte ihr hinterher und sagte: «Fleisch will ich fressen, Fleisch will ich fressen!»

Furairas Vater befahl nun: «Bringt ihn zu den Rindern!» So brachte man den Kürbis zu den Rindern und er frass die ganze Herde auf.

Sogleich rollte er zu Furaira und sagte: «Fleisch will ich fressen, Fleisch will ich fressen!»

Diese sprang zu ihrem Vater und er befahl: «Bringt den Kürbis zu den Kamelen!»

Kaum war der Kürbis bei den Kamelen, so verschlang er sie mit einem Happs und kehrte sogleich zu Furaira zurück: «Fleisch will ich fressen, Fleisch will ich fressen!»

Furaira rannte ängstlich zu ihrem Vater und dieser rief: «Bringt den Kürbis zu den Dienern!» Der Kürbis verschlang alle Diener und auch gleich alle Hühner, die auf dem Hof herumsprangen. Dann verschlang er alle Menschen im Dorf. Nur Furaira und ihr Vater waren übrig. Er rollte Furaira hinterher und sagte: «Fleisch will ich fressen, Fleisch will ich fressen!»

Furaira lief so schnell sie konnte zu ihrem Vater. Dieser sprach zum Kürbis: «Jetzt bin nur noch ich übrig. Wenn du fressen willst, musst du mich fressen.» Der Kürbis wartete nicht lange. Er packte den Vater und verschluckte ihn. 

Dann rollte er Furaira hinterher und sagte: «Fleisch will ich fressen, Fleisch will ich fressen!»

Furaira rannte davon, der Kürbis rollte ihr hinterher: «Fleisch will ich fressen, Fleisch will ich fressen!» rief er immer wieder.

In ihrer Angst sprang Furaira zu einem Busch, um sich dort zu verstecken. Im Busch aber stand der Widder des Vaters, der hatte sich auch vor dem Kürbis versteckt. Als der Kürbis nun immer näher und näher kam und sagte: «Fleisch will ich fressen, Fleisch will ich fressen!», da sprang der Widder aus dem Busch heraus und packte den Kürbis mit seinem Horn. Da machte es Plopp! und der Kürbis brach auseinander. Und wer kam heraus? Der Vater, die Mutter , die Diener und alle Menschen aus dem Dorf. Die Hühner, die Kamele, die Rinder, die Schafe und die Ziegen. 

So viel Aufregung, wegen einem einzigen Wunsch.

 

Fassung Djamila Jaenike, nach: U. Schild, Westafrikanische Märchen,  Düsseldorf, 1975

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.