Läng wie ne Bingbaum
Läng wie ne Bingbaum
Einisch isch e Ma z’Obe spät vo Gueteburg gäge Madiswil glüffe. Äs isch e chli e Förchti gsi. Ungereinisch gseht er öppis vom Galgelöli gäge dr Bisig übere flüge. Är isch i aller Angscht gäge Madiswil gsprunge u het de Lüte gseit, är heigi s’Galgelölitier gseh; äs sig läng wie ne Bingbaum u heig us em Rache Füür gspeut.
Sider darf er z'Nacht nümm elleini do düre laufe; äs muess gäng öpper mit ihm.
Das Galgenlöliltier entspricht in der vorstehenden Erzählung gar nicht dem Wesen des tierischen Dämons, wie er in andern Sagen in Erscheinung tritt. Das Tier ist lang wie ein Bindbaum und speit Feuer aus dem Rachen. So aber zeichnet die Sage den Drachen. Eine Naturerscheinung, vielleicht ein fernes Wetterleuchten oder Sternschnuppen, deutet der nächtliche Wanderer als tierisches Wesen, das einer erregten Phantasie entspringt.
Einzelne Sagen von geheimnisvollen Tieren mögen auf ein wirkliches Erlebnis zurückgehen; ein wirkliches Tier erscheint; sein aussergewöhnliches und eigentümliches Auftreten jagt den Menschen Furcht und Schrecken ein, und der Abergläubische schreibt dem unheimlichen Tier bald übernatürliche Eigenschaften zu.
M. Sooder, Sagen aus Rohrbach, Huttwil 1929
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.