Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Z' Unghür

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Einst in furchtbarem Sturm und Schneeregen schritt mit kurzem, eiligem Schritt ein Geschöpf durch das TaI, das einem Mann in fremdartiger Kleidung glich. Lange durchnässte Locken, halb grau, halb schwarz, flogen vom Wind gepeitscht um ein Gesicht von regelmässiger Schönheit, aber schauerlichem Ausdruck: die unruhigen Augen glühten gleich einem Backofen. Der schnellschreitende Mann trat in eine der Hütten des Tales, wo Vater und Söhne sich eben mit Eintreiben des Viehs beschäftigt hatten und nun durchnässt am Herdfeuer sassen. Über denselben hatte die Mutter den Käskessel hängen. Die Kinder schrien, als der wilde Fremde eintrat. Die Eltern boten ihm Platz am Feuer und warme Schotte an. Der Mann zitterte (wie es schien vor Kälte), goss in rasender Eile die siedendheisse Schotte von einem Gefäss ins andere, dass das Getränk hoch zur Decke aufspritzte, verschlang es kaum gekühlt, stürzte aus dem Haus, lief die hohe Bergwand, die nach Rheinwald führt, hinauf, so schnell, dass die nachfolgenden Kinder ihn für einen Geier hielten.

Aus: U. Brunold-Bigler, Die Sagensammlung der Nina Camenisch, Disentis 1987, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.