Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die Erdmännchen vom Pfaffenloch

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

In der Gutbrünnenfluh bei Gutbrunnen ist eine Höhle, das sogenannte Pfaffenloch. Der Eingang zu dieser Höhle ist sehr eng, ihr Inneres aber sehr geräumig. In neun Abteilungen läuft sie unter dem Längenberg bis nach Rüeggisberg hin. Ehedem hausten hier Erdmännchen ganz absonderlicher Art. Bekanntlich war die Kost dieser merkwürdigen Wesen sehr einfach und bestand aus Milch, Honig, Früchten, Weissbrot und andern leichten Speisen; die Erdmännchen im Pfaffenloch aber führten ausser derartigen Vorräten noch eine grosse feiste Kuh in ihrem Hausstall, aus deren Hüften sie sich täglich so viel Fleisch ausschnitten, als zu einem Braten für sie alle hinreichend war. Da aber die Zahl der im Pfaffenloch wohnenden Erdmännchen nicht unbedeutend war, kann sich ein jeder leicht denken, dass diese Braten nicht zu den kleinsten gehört haben mögen. Das Merkwürdigste war jedoch dabei, dass über Nacht der Kuh das ausgeschnittene Fleisch stets wieder nachwuchs, was, da das Tier nicht den geringsten Schaden dadurch erlitt, den Erdmännchen in ihrer Wirtschaft sehr zu statten kam.

 

C. Kohlrusch, Schweizerisches Sagenbuch. Nach mündlichen Überlieferungen, Chroniken und anderen gedruckten und handschriftlichen Quellen, Leipzig 1854.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch