Der alte Lötscher und das Lauwitier 5. Teil - Hirterin von Faldum
Noch wunderbarer ist die Rettung einer Hirterin von Faldum, die keinen Abend vergass, den Rosenkranz zu beten. Sie war in ihrem Hüttlein tief eingeschneit. Als sie die Weihnachtsglocken der Pfarrkirche hörte, hielt sie es nicht mehr aus in der Einsamkeit. Die Sehnsucht nach den Angehörigen trieb sie ins Tal. Nicht ohne Furcht nahm sie den steilen Winterweg mit den vielen Windungen unter die Füsse. Oft schaute sie um, als könnte sie damit die Gefahr bannen. Plötzlich fährt es wie ein Windstoss durch die Zwerbäume am Wege, dass diese den Schnee abschütteln. Ein Schrei; sie ist erfasst und fortgetragen von einer Staublawine. Unten im Tale steht die Hirterin auf. Kein Glied ist ihr verletzt, kein Gewand zerrissen, nicht einmal die Milch ausgeschüttet. Vom Dorfe Ferden aus haben die Leute die Hirterin auf dem Wege gesehen und sind gleich zur Stelle in der Furcht, ein Un-glück sei geschehen. Wie sie der Hirterin begegnen, fragen sie verwundert: «Wie bist du der Lawine entgangen?» Sie antwortet: «Eine weisse Frau hat mich im Schoss gehalten.» Der Ort, wo die Hirterin gerettet wurde, ist von der Talstrasse aus zu sehen und heisst heute noch «Im Schoss».
Quelle: J. Siegen, Sagen aus dem Lötschental, Erweiterte Ausgabe der Gletschermärchen (1905), Lausanne 1979.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.