Die Härmleni kommen
Gut halben Weges zwischen Brienz und Ebligen liegt obenher dem See ein Streifen Wiesland, steil, steinig und mager und an den Längsseiten von Tannenwald gezäunt. Die Gegend heisst „im Dorni“.
An einem warmen Tag im frühen Frühling war Gygers Peetsch hier am Räumen. Die Steine, die er vom Boden las, warf er nebenher auf eine mit Gestrüpp überwachsene Golete. Einmal, da wieder einer hinüberflog, schlüpfte ein Härmli aus dem Haufen. Ohne eigentlich zu wollen, zielte Peetsch mit dem nächsten Stein auf das Tierlein. Und schon bereute er den Wurf. Obwohl er das Härmli nicht traf, fing dieses laut und durchdringend zu pfeifen an. Im Nu kamen aus allen Steinhaufen ringsum Härmleni gehuscht, eins am andern, flink, so flink! Im Schwick war es eine grosse Schar, und immer kamen noch mehr dazu. Das zwispelte und zwaspelte im jungen Gras, schoss durcheinander wie eine Glismete. Und jetzt, potz Donner, hatten sich alle plötzlich in einer Richtung in Bewegung gesetzt, auf Peetschen zu! Rasch, unheimlich rasch kamen sie näher. Schon bogen die Vordersten, kaum zwanzig Schritte weg, um einen Steinhaufen - da besann sich Peetsch nicht mehr, sprang rechterhand in den Wald hinein und fort was die Beine hergaben. Es war höchste Zeit gewesen; die Härmleni hätten ihn sonst zu Hudel und Fetzen zerrissen.
Quelle: Albert Streich, Brienzer Sagen, Interlaken 1938.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch