Die schöne Tote
Einstmals grub der Sigrist zu Brienz ein altes verwahrlostes Grab auf, das auf der Seeseite an der Kirchenmauer lag. Kein Kreuzlein stand darauf und keine Inschrift verriet mehr den Namen dessen, der hier unter dem wuchernden Aebeun seine letzte Ruhestatt gefunden hatte. In der neuen Grube sollte ein bekannter und beliebter Dorfmann der Erde übergeben werden, der eben gestorben war.
Wie wunderte sich der Sigrist aber, als er in der Tiefe mit der Strahlhaue auf einen wohlerhaltenen Sarg stiess, und als er diesen aufmachte, darin ein wunderschönes Mädchen liegen sah, mit blütenweissem Gesicht und roten Wangen und grossen goldblonden Zöpfen, die der feinen Gestalt bis zu den Knien reichten. Schön und frisch lag das Mädchen da, als ob es nicht gestorben wäre, und es schien, als müsste es jeden Augenblick die Augen öffnen, sich erheben und wieder mit den Lebenden gehen.
Nachdem der Mann sein erstes Erstaunen überwunden, brummte er: „Tot ist tot, ich lass’ sie aber liegen wo sie liegt und wenn heute noch ein halbes Dutzend Dorfgewaltige sterben!“ Schloss den Sarg, rumpelte Erde und Steine darauf und sorgte dem Dorfmann an einem andern Ort für einen letzten Platz.
Quelle: Albert Streich, Brienzer Sagen, Interlaken 1938.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch