Die Kristallhöhle im Hinterbirg
Vor langer Zeit suchte einst ein Hirte auf Alp Tschingelfeld am Faulhorn des Abends weitab von der Hütte seine verlaufenen Ziegen zusammen. Als die scheidende Sonne noch eben die obersten Gipfel der Schneeberge mit goldner Pracht beschien, gelangte er nach dem Hinterbirg, einer unheimlichen Wildnis. Wie nun der Hirte an den Rand eines silberweiss dahinschäumenden Baches trat, öffnete sich plötzlich vor ihm gegen den Fels zu eine grosse Kristallhöhle. Entzückt über diese unerwartete feenhafte Erscheinung stand er vor der Öffnung. Von den Wänden des Gewölbes ragten lange Kristallzacken und warfen in buntem Gold- und Silberschein einen majestätischen Farbenglanz. Anfänglich lockte die Wunderpracht den Älpler, völlig hineinzugehen. Als er jedoch mit seinem Alpenstock an die vorderste Zacke schlug, wurde ein hallendes, beinahe überirdisches Echo im Innern hörbar. Grausend wandte er sich hinweg und zog in seine Hütte. Am andern Tage zog es ihn wiederum nach der geheimnisvollen Stätte hin, aber das Tor des unterirdischen Zaubergemaches öffnete sich ihm nicht wieder.
Quelle: Hermann Hartmann, Sagen aus dem Berner Oberland. Nach schriftlichen und mündlichen Quellen, Interlaken 1910.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch