Das Rücken der Kühe (H. Hartmann)
Auf Wergistal- und Bussalp im Grindelwaldner Tal kommt es vor, dass die Kühe rücken. Die Sennen hören in der Nacht eine Stimme, gleich der eines Sennen, wenn er die Kühe ruft. Dieser Stimme gehen die Kühe unter Anführung der Meisterkuh alsobald nach. Wie rasend stürmen sie ins Weite, man weiss nicht wohin. Ruft nun der Hirt die Leitkuh mit seiner wahren Stimme nicht wieder zurück, so kommt die ganze Herde fort, dass man sie nicht wieder finden kann. Geschieht dies, so muss der Senn alle Arbeiten in und um den Stall besorgen, als hätte sich nichts ereignet. Drei Tage hernach findet sich dann die Herde auf ihren gewohnten Weideplätzen wohlgenährt und mit gefüllten Eutern wieder ein. Es kommt dann zuweilen auch vor, dass jede Kuh gleich ein Kalb mit zurückbringt. Manchmal treibt dabei ein Zwerglein die Versprengten wieder auf ihre Alp zurück. Einstmals soll sich ein verwegener Hirtenbub, als die Kühe rückten der hintersten an den Schweif gehängt haben und mit derselben verschwunden sein. Nach dreien Tagen kehrte er jedoch mit derselben wieder heil auf die Alp zurück. Niemals hat er sagen wollen, wo er inzwischen gewesen und was er in seiner Abwesenheit alles erlebt hat.
Quelle: Hermann Hartmann, Sagen aus dem Berner Oberland. Nach schriftlichen und mündlichen Quellen, Interlaken 1910.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.