Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Kohlen auf der Brücke

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

In St. Niklaus wollte einst ein Hirt abends spät seine Geliebte besuchen. Der Weg führte ihn über die Vispe, und zwar an einer Stelle, wo sie in einer tiefen Felsenschlucht rauschte und worüber nur eine schmale Bretterbrücke führte. Da sah der Hirt, was ihm sonst niemals widerfahren war, einen Haufen schwarzer Kohlen auf der Brücke liegen. Sie versperrten ihm den Weg. Ihm war nicht recht zumute; doch fasste er sich ein Herz und tat einen tüchtigen Sprung von einem Ende der Brücke bis zum andern. Der Teufel, der aus dem Dampf des zerstobenen Kohlenhaufens auffuhr, rief ihm nach: «Das war dir geraten, denn wärest du zurückgetreten, so hätte ich dir den Hals umgedreht, wärest du auf die Kohlen getreten, so hättest du unter ihnen versinken und in die Schlucht stürzen müssen.» Zum Glück hatte der Hirte, trotz den Gedanken an seine Geliebte, nicht unterlassen, vor dem Kapellchen der Muttergottes hinter St. Niklaus wie immer sein Ave zu beten.

ST.NIKLAUS

Quelle: Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Josef Guntern, Olten 1963, © Erbengemeinschaft Josef Guntern.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch