Der Mörder am Steinerbach
Kaum drei Minuten vom Kropfbrunnen von Steinen entfernt, nimmt den Wanderer ein Wald auf von Buchen und Nadelholz. Derselbe ist durch die neue Strasse, welche von Steinen bis auf den Sattel führt, in zwei gleiche Hälften geteilt. Man erzählt von ihm:
Ein Landmann von N., der nichts besass, als was er bei sich trug, hat für einige Zeit in diesem Walde seine Wohnung aufgeschlagen. Er war von mittlerer Grösse; eine breite Stirne, grosse Nas und Augen, sowie ein schwarzer Bart zeichneten sein Gesicht aus. Auf dem Lande mochte er nicht arbeiten, wollte sonst sein Auskommen finden. Seine einzige Beschäftigung war Rauben und Morden.
Als einmal ein Reisender bei diesem Orte vorbeiging, sah er zu seiner Linken eine Flasche mit dem furchtbarsten Gift gefüllt dastehen; der Landmann hatte sie dahin gestellt. Der Fremde, welcher nicht enträtseln konnte, was dieses zu bedeuten habe, machte das heilige Kreuzzeichen, und die Flasche zersprang augenblicklich. Der Knall drang an die Ohren des Mörders. Schnell kam er, ergriff den Wanderer und misshandelte ihn so grausam, dass derselbe daran starb. Die Leiche schob er in einen Sack, auf dem er sitzend auf der wild daherströmenden Aa hinunterfuhr. So sahen ihn die Leute im Dorfe Steinen.
Quelle: Alois Lütolf, Sagen, Bräuche, Legenden aus den fünf Orten Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug, Luzern 1865. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.maerchenstiftung.ch.