Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Kinderlosigkeit verschuldet und gesühnt

Land: Schweiz
Kanton: Luzern
Kategorie: Sage

Vor langer Zeit lebten zwei Eheleute, die kinderlos waren — aus eigener Schuld. Das Gewissen mahnte und sie beichteten. Da hiess es überall, sie müssten die Lossprechung beim Papst zu Rom selber holen. Was war anders anzufangen, als dahin zu pilgern? Der heilige Vater absolvierte, aber gab unter anderm zur Busse aus, dass während der Heimreise sie nie im gleichen Zimmer übernachten sollten. Und möge auch im Gehalte der einen Ehehälfte nachts was immer für ein Lärm entstehen, unter keinen Umständen dürfe die andere Person nachschauen. Sie gelobten dies alles treu zu beobachten und hielten Wort. Denn als eines Abends sie in einer Stadt Herberge nahmen, und in der Nacht im Gemach der Frau lange Zeit hindurch ein grosser, sonderbarer Tumult dem Gatten sich hörbar machte, ging er nicht hin, um zu sehen, was es sei, obschon er sich sehr dazu versucht fühlte. Erst am hellen Morgen, als eine geraume Weile schon wieder tiefe Stille war, öffnete er die Türe der andern Schlafkammer. Da flog eine weisse Taube heraus und am Boden lag - blutig entstellt und zerrissen - die Leiche seiner Gattin, deren Seele jetzt als Kind der Seligkeit in Taubengestalt sich zum Himmel schwang.

 

Quelle: Alois Lütolf, Sagen, Bräuche, Legenden aus den fünf Orten Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug, Luzern 1865. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.maerchenstiftung.ch.

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