Das Vöglein im Bruderholz
In währendem Concilio zu Basel sind etliche Herren vom selbigen Concilio lusts halben für die Statt hinaus gespatzieret in ein Höltzlin, Bruderholtz genandt, damit sie sich von streitigen puncten etwas erspracheten. In allem gehen hören sie ein vögelin singen so lieblich als ein Nachtigall. Die Herren verwundereten sich ab des Vögelins stimm, und fahen an zu zweifeln, was es für ein Vogel were. Da sie nun in das Wäldlin kamen zu dem Baum, darauff das Vögelin sass, rahtschlagten sie, wie dasselbige zu beschweren (beschwören) were. Und als einer aus ihnen, so der hertzhafftigste seyn wollte, es beschwure, dass er gesagt: «Ich beschwere dich im nammen des Herren, zeig uns an, wer du seyest», sagte das Vögelin: «Ich bin ein verlohrener und verdammter geist und warte auf den jüngsten Tag, da mein leiden kein end nemmen wirdt.» Hiemit fleugt es darvon und spricht: «O ewig, ewig, wie ist das ein so langezeit!» Das ist zweiffels ohn (zweifellos) der Satan gewesen. Darüber aber seind selbige Herren also hefftig erschrocken, dass sie kranck worden und bald gestorben.
Binningen
Quelle: P. Suter/E. Strübin, Baselbieter Sagen. Quellen und Forschungen zur Geschichte und Landeskunde des Kantons Basel, Band 14. Liestal 1976
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.