Der Schädel aus dem Beinhaus
Im Hause des Gemeindeschreibers war Abendhock. Die Frauen spannen und webten, die Alten aber erzählten Märchen und Gruselgeschichten. Auch der Gemeindeschreiber gab eine Geschichte zum Besten, die er schon von seinem Grossvater gehört hatte.
Ein grossmauliger Bursche von kaum zwanzig Jahren prahlte mit seiner Furchtlosigkeit. Um seine Unerschrockenheit zu beweisen wollte er sogleich ins Beinhaus bei der Kirche gehen, dort den Schädel seines Onkels holen und ihn hieher auf den Tisch legen. Ins Beinhaus einzudringen wagte sonst niemand, erst recht nicht bei Nacht. Der Prahlhans aber ging hin. Bald fand er den Schädel seines Onkels, klemmte ihn unter den Arm und verliess schleunigst die Totenstätte.
Als er die Burggasse hinaufschritt, wurde der Schädel schwerer und schwerer. Plötzlich öffneten sich die Kiefer des Totenschädels, und die hohle Stimme seines Onkels befahl, er solle ihn auf der Stelle ins Beinhaus zurücktragen, sonst werde er es büssen müssen. Der Aufschneider eilte zu Tode erschrocken ins Beinhaus zurück und stellte den Schädel wieder an seinen Platz.
Am folgenden Morgen wurde er von seinen Kameraden tot im Beinhaus aufgefunden.
Muttenz
Quelle: P. Suter/E. Strübin, Baselbieter Sagen. Quellen und Forschungen zur Geschichte und Landeskunde des Kantons Basel, Band 14. Liestal 1976
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.