Ein Märchen
Vor Zeiten wurde ein Ausserberger von seiner Gemeinde nach Sitten zu einem erfahrenen Schüler geschickt, dass er ihm eine Quelle oder Brunnen verkaufen und mitgeben wolle, denn sie hatte an ihrem Berg grosse Wassernot. Der Schwarzkünstler gab ihm eine wohlgeschlossene Schachtel, mit dem strengen Verbot, dass er ja nicht darüber gehen solle bis an dem Ort, wo man die Quelle haben wolle. Wie er nun kam bis zur Leukerbrücke, da wandelte ihn ein Wunder an, die Schachtel zu öffnen, um zu sehen was darin wäre, dass er endlich das strenge Verbot vergass und hineinguckte. Aber kaum hatte er geöffnet, da flog ein grosser Brummel heraus und nicht weit davon in die Erde — und seht! eine prächtige Quelle rauschte aus dem steinigen Erdreich hervor und stürzte in kurzem Laufe, ohne jemanden etwas zu nützen, in die Rhone. Wie mancher hat, wenn er diese herrliche Quelle aus den Felswänden ob der Leukerbrücke, an einem so nutzlosen Orte gesehen, gewünscht: Ach, hätten wir doch auf unserm dürren Berge diesen Brunnen!
Quelle: M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Sagenfreunden, Sitten 1872.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch