Erzählen
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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die Verführerin

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

An der Bergstrasse, die zum Natersberge führt, findet sich auf der Fluh, ob der Schratt eine Scheuer und Stall zwischen schroffen Felsen hingebaut. Wenn junge Leute bei anbrechender Nacht, oder noch später da vorüber gingen, sahen sie bei diesem Stalle nicht selten eine schmucke Küherin, welche Geschäfte zu machen schien und den Vorübergehenden sehr freundlich tat. Niemand kannte sie.

Als eines Abends ein junger Bursche wieder des Weges vorüberziehen wollte, war auch die Küherin auf dem Posten und tat freundlicher als gewöhnlich; sie winkte ihm, zu warten und zu ihr zu kommen. Unser Junge vermutete nichts Ausserordentliches, liess sich darum nicht zweimal einladen und folgte willig. Als ihm die Küherin zu verstehen gab, er solle mit ihr über eine hohe Leiter hinauf zum Giebel in die Scheuer, die voll Heu war, hineinsteigen, weigerte er sich, voran zu gehen, so ernstlich es auch die Einladerin verlangte. Diese musste nachgeben und voran die Leiter hinauf. Mitten auf der Leiter gewahrte der nachfolgende Bursche mit Schrecken, dass die schmucke Frauensperson Hahnenfüsse habe. Beschämt kehrte er gleich um und ging traurig seines Weges weiter. Von der hahnenfüssigen Verführerin aber war von dem Tage an nichts mehr zu sehen.

 

Quelle: M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Sagenfreunden, Sitten 1872.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch