Der Geist auf der Heubühne
Im grossen Moos hatte ein Bauer einen Knecht. Derselbe wurde vom Dienstherrn auf die Heubühne zum Schlafen geschickt. Kaum war er hinaufgestiegen, öffnete sich das Tenntor von neuem, und eine schwarze, männliche Gestalt stieg die Leiter hinauf auf die nebenan liegende Heubühne. Der Knecht wollte den Eindringling verscheuchen und warf seine genagelten Schuhe auf die Tenne hinunter. Die Gestalt bewegte sich immer noch an derselben Stelle. Da wollte der Knecht nicht länger bleiben. Er stieg schnell zur Leiter hinunter, ging zur Tenne hinaus und nächtigte draussen auf der Wiese auf einem Haufen Heu. Als der Bauer am andern Morgen seinen Knecht wecken wollte, fand er ihn nicht auf der Bühne. Unterdessen war jener zurückgekehrt vom Wiesenlager und erzählte dem Meister, was er in der Nacht auf der Heubühne erlebt habe. Der Bauer wurde ganz verlegen, dann sprach er zum Knecht: «Du darfst niemand sagen, was du bei mir gesehen hast; dieser Geist kommt schon lange in meine Scheune. Ich muss ihm jeden Abend eine Handvoll Heu in die Tenne legen, sonst liegt am Morgen ein Stück Vieh tot im Stall.» Aber der Knecht bekam nun ein anderes Nachtlager, wo er von unliebsamen Besuchern verschont blieb.
Quelle: Pater Nikolaus Bongard, Sensler Sagen, Freiburg 1992.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.