Märchen aus Iran | Märchenstiftung

Märchen aus der fernen Heimat 

Das Ziel dieser Geschichtensammlung ist die Förderung des interkulturellen Dialogs mit Hilfe von Märchen aus der Heimat der Flüchtlinge. In der Schweiz leben Menschen aus zahlreichen Ländern und verschiedensten Kulturen. Geschichten aus der eigenen Kultur sind starke Identifikationsträger, weil sie viel traditionelles Vermächtnis aus der Heimat transportieren. Sie können das Verständnis für die Vielfalt der Kulturen fördern und Gelegenheit bieten, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Denn alle Menschen auf der Welt, so erzählen es die Märchen, sind auf der Suche nach dem Glück. Die Sammlung der Geschichten wird jeden Monat um eine Kultur/ein Land erweitert. Mithilfe von Menschen aus anderen Kulturen werden die Märchen auch in der Ursprungssprache zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns über jede Übersetzung, die wir realisieren können.

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Märchen aus dem Iran

Das historische Persien hat eine lange Geschichte mit grossem kulturellem Reichtum hinter sich. Nach der Gründung der Islamischen Republik Iran folgte Krieg und das Scheitern von Reformbemühungen; zudem nehmen die Umweltprobleme zu. Die Arbeitslosigkeit und Inflation sind hoch, auch wegen des stark theokratischen Regimes, das die politischen Freiheiten stark einschränkt und ethnische Minderheiten unterdrückt, zu denen etwa ein Drittel der Bevölkerung gehören, so dass Menschen zu politischen Flüchtlingen werden.

Märchen / فسانه:
Der König und sein Falke / سارب
Sareban, der Kameltreiber / ساربان
Der Bruder, dessen Glück schlief / داستان برادری که شانسش را خواب برد ​​​​​​

Der König und sein Falke

In alter Zeit lebte ein persischer König, der die Jagd sehr liebte. Dieser König hatte einen Falken, der im Flug jedes Wild einholte. Der König liebte diesen Falken über die Massen und fütterte ihn immer mit eigener Hand.
Eines Tages jagte der König mit dem Falken auf einer Wiese, und plötzlich erschien ein Hirsch. Der König verfolgte den Hirsch mit grösstem Eifer auf seinem leichtfüssigen Pferd. Es rannte so schnell, dass selbst der Morgenwind, der die Welt in einem Augenblick durcheilt, es nicht einholen konnte. Infolgedessen blieb sein Gefolge zurück. Nach einiger Zeit war auch der Hirsch nicht mehr zu sehen, und der König musste die Jagd aufgeben. Da er von brennendem Durst gequält wurde, durcheilte er die Wiese, nach allen Richtungen, um nach Wasser zu suchen,
Schliesslich kam er an den Fuss eines Berges und sah, dass von dem Berg klares Wasser herabtröpfelte. Er nahm einen Becher, den er bei sich führte, und füllte ihn mit dem Wasser, das tropfenweise herabfloss. Als er davon trinken wollte, schlug der Falke mit seinem Flügel an den Becher, sodass das Wasser ausfloss. Als der König ärgerlich den Becher mit vieler Mühe von Neuem füllte und trinken wollte, geschah dasselbe.
Der König, von der Glut des Durstes gequält und zornig über das Betragen des Falken, schlug ihn zu Boden und tötete ihn. In diesem Augenblick kam der Page des Königs heran und fand den Falken tot und den König durstig. Er holte seine Feldflasche hervor, füllte aus ihr den Becher und gab dem König zu trinken. Der König sprach: «Ich möchte auch noch von dem Wasser haben, das vom Berg kommt, aber da es nur herabtröpfelt, macht es so viel Mühe, den Becher zu füllen. Du musst hinaufklettern und sehen, ob dort irgendein Hindernis für das Wasser ist.»
Der Page stieg den Berg hinauf. Da sah er eine Quelle, die nur tropfenweise Wasser gab, und vor der Quelle lag eine grosse tote Schlange. Durch die Einwirkung der Sonne war sie verwest, und ihr Gift hatte sich mit dem Wasser vermischt und rieselte den Berg hinab. Der Page lief erschreckt und bestürzt den Berg hinunter und erzählte dem König, was er gesehen hatte. Dem König flossen Tränen aus seinen Augen. Der Knabe fragte ihn nach dem Grund der Tränen. Der König erzählte die Geschichte und sagte: «Ich weine darüber, dass ich den Falken zu Unrecht getötet habe.»
Der Page erwiderte: «O König, dieser Falke hat dich vor einem grossen Unglück bewahrt, und das ganze Volk ist ihm zu grossem Dank verpflichtet. Es wäre besser gewesen, wenn der König nicht so eilig getötet hätte und die Glut seines Zornes mit dem Wasser der Milde gedämpft hätte.»
Der König antwortete: «Ich bereue meine Handlung, aber die Reue nützt nichts, denn solange ich lebe, werde ich durch Gewissensbisse gequält werden.»

Märchen aus dem Iran, Fassung: L. Tetzner, nach: «Die Geschichte des persischen Königs und seines Falken», in: G. Weil, A. Lewald, Märchen aus 1001 Nacht. Arabische Erzählungen. Oxford 1841. Sprachlich leicht angepasst. © Mutabor Märchenstiftung

Sareban, der Kameltreiber

Es war einmal ein reicher Mann, der war Händler und brachte seine Ware auf seinen Kamelen von einem Ort zum anderen, um sie zu verkaufen. Einmal nahm er seinen kleinen Sohn mit auf die Reise. Doch unterwegs wurde die Karawane von Dieben überfallen. Schnell versteckte der Händler seinen Sohn in einer der Kameltaschen und versuchte dann, gegen die Diebe zu kämpfen. Doch diese waren stärker, nahmen ihm alle Kamele mitsamt der kostbaren Ware ab und liessen ihn gefesselt zurück. Während die Diebe davonzogen, hörten sie auf einmal ein leises Weinen und fanden schliesslich den kleinen Sohn des Händlers. Sie setzten ihn auf eine trächtige Kamelstute und ritten weiter bis zu einer Höhle, die sie als Diebesversteck nutzten. Sie teilten untereinander die Ware und die Kamele auf, doch was sollte mit dem Kind geschehen? „Nimm du ihn mit dir, dann hast du endlich einen Sohn“, sprach einer der Diebe zu einem anderen. So nahm dieser den Jungen mit.  Von nun an musste sich der Junge jeden Tag um die Kamele kümmern, deshalb nannte man ihn Sareban, den Kameltreiber. Sareban mochte seine Kamelstute am liebsten und kümmerte sich hingebungsvoll um ihre Fohlen. So verging eine lange Zeit. Jeden Tag führte er die Kamele in die Wüste, setzte sich unter einen Baum und begann auf der Flöte zu spielen.  Da kam ein Derwisch vorbei und fragte: „Weshalb spielst du so ein trauriges Lied?“
„Ach, ich vermisse meinen Vater, meine Mutter und meine Geschwister!“, sagte Sareban.
„Du könntest sie doch besuchen!“
„Ich weiss nicht, wo sie sind!“, rief Sareban aus und erzählte dem Derwisch seine ganze Geschichte.
Der Derwisch überlegte, dann sagte er: „Ich sage dir, was du tun musst: Steig auf die Kamelstute und lass die Zügel frei, sie wird dich nach Hause bringen.“
Daraufhin ging der Derwisch fort. Sareban aber bestieg sein Kamel und liess es gehen, wohin es wollte. Das Kamel lief viele Tage und Nächte. Endlich kamen sie zu einer Quelle. Das Kamel kniete nieder, um zu trinken. Sareban stieg ab und legte sich neben den Brunnen, um ein wenig zu ruhen. Als er aufwachte, sah er einen jungen Mann, der seine Schafe an der Quelle tränkte. Sie grüssten einander und der junge Hirte bewunderte die schöne Kamelstute. Auf einmal rief er aufgeregt: „Das ist ja unser Kamel? Hier, schau, da ist das Brandzeichen unserer Sippe! Hast du es etwa gestohlen?“
Sareban antwortete: „Aber nein, ich habe es nicht gestohlen. Es ist mein Begleiter und mein grösster Trost, seit ich von meinem Vater getrennt wurde.“
„Erzähl mir deine Geschichte“, bat der junge Hirte. Sie setzten sich und Sareban erzählte ihm alles, was geschehen war, seit die Diebe die Karawane seines Vaters überfallen hatten. Als er zu Ende erzählt hatte, sprang der Hirte auf, nahm Sareban in die Arme und sagte: „Du bist mein verlorener Bruder,“ und sie weinten vor Freude. So kehrten beide nach Hause zurück, Sareban in die Arme seiner alten Eltern und sogar das Kamel freute sich wieder zu Hause zu sein.

Märchen aus dem Iran, Fassung Djamila Jaenike nach: Mohammadreza Schams, Märchen jenseits der Gewässer, Teheran 2013. Aus dem Persischen übertragen von Banafshe Tabatabai. © Mutabor Märchenstiftung

Der Bruder, dessen Glück schlief

Es waren einmal zwei Brüder. Als deren Vater starb, teilten sie das Land gerecht auf. Beide arbeiteten fleissig, doch der jüngere Bruder hatte reiche Ernten und der ältere Bruder kaum genug, um satt zu werden. „Lass uns das Land tauschen“, meinte der Ältere. Der jüngere Bruder war einverstanden, doch nach einem Jahr, war es wieder wie zuvor: Der Jüngere hatte eine reiche Ernte, der Ältere eine schlechte Ernte. Da beschloss der ältere Bruder dem jüngeren vom Getreide zu stehlen. Er wartete, bis es dunkel wurde, nahm einen Esel und einen leeren Sack und ging zum Feld seines Bruders. Gerade wollte er sich am Kornhaufen des Bruders zu schaffen machen, als ein Fremder auf ihn zutrat und sagte: „Wer bist du und was tust du hier?“
Der Bruder erschrak, doch er fasste sich und fragte: „Nichts tue ich, und wer bist du?“
„Oh, ich bin das Glück deines Bruders. Ich passe auf, damit niemand Korn stiehlt“, sagte der Fremde.
Der Ältere staunte und fragte: „Wo ist denn mein Glück?“
„Dein Glück ist dort auf dem Gipfel von diesem Berg, aber es schläft. Wenn du ein glückliches Leben führen willst, musst du dorthin gehen und es wecken.“
Nachdenklich ging der ältere Bruder mit dem Esel nach Hause. Dann gab er seinen ganzen Besitz seinem Bruder und machte sich auf die Reise.
Er wanderte lange, sehr lange, bis auf einmal ein hungriger Löwe auf den Weg trat und ihn bedrohte. „Bitte lass mich am Leben“, bat der Mann. Er bat und flehte so lange, bis der Löwe sprach: „Ich lasse dich gehen, aber sag du mir, wohin du gehst und warum.“
Da erzählte der Mann seine Geschichte und sagte: „Nun will ich zu meinem Glück gehen und es wecken.“
„Wenn du dein Glück geweckt hast, so frage es, weshalb ich nie satt werde“, bat der Löwe.
Der Mann versprach es und wanderte weiter. Er kam in ein Dorf und ein alter Mann bewirtete ihn. Er fragte: „Wohin gehst du und warum?“
Der ältere Bruder erzählte alles und sagte: „Nun will ich zu meinem Glück gehen und es wecken.“
„Wenn du das Glück geweckt hast, so frage es, weshalb auf meinem Acker nichts wächst“, bat der Alte.
Der Ältere versprach es und ging weiter, bis er in eine Stadt kam. Kaum war er durch das Stadttor gegangen, da packte ihn die Wache und brachte ihn vor den König.  Dieser sprach: „Erzähle Fremder, wohin gehst du und warum?“
Da erzählte der Mann seine ganze Geschichte und sagte: „Nun gehe ich zu meinem Glück, um es zu wecken.“
„Wenn du dein Glück gefunden hast, dann frage es, warum mein Königreich nicht den Ruhm und Wohlstand hat, den es verdient“, bat der König.
Der Mann versprach es und wanderte weiter. Endlich kam er zu dem Berg. Er kletterte hinauf und sah ganz oben einen grossen Mann, der schlief. Sein Schnarchen liess die Blätter rundherum erzittern. Der ältere Bruder ging zum Schlafenden, gab ihm einen Stoss mit dem Fuss und rief: „Steh auf, du hast lange genug geschlafen!“
Der grosse Mann rieb sich die Augen und sagte: „Weshalb hast du mich geweckt?“
Da erzählte der ältere Bruder seine ganze Geschichte und stellte ihm auch die Fragen, die ihm aufgetragen worden waren und sein Glück gab ihm auf alles eine Antwort. So machte sich der Älteste wieder auf den Heimweg. Als er in die Stadt kam, liess er sich zum König bringen und sagte: „Schicke alle Wachen fort, dann will ich dir die Antwort vom Glück sagen.“
Als der König und der Mann allein waren, sprach dieser: „Deine Stadt wird erst zu Ruhm und Wohlstand kommen, wenn du heiratest, denn das Glück sagt, dass du kein Mann, sondern eine Frau bist.“
„Dann heirate mich und werde König an meiner Seite!“, rief die Königin, doch der Mann sprach: „Das geht nicht, denn ich habe mein Glück geweckt und will jetzt nach Hause.“ So verliess er das Schloss und wanderte, bis er zum Dorf kam, wo der Alte auf ihn wartete. „Hast du dein Glück geweckt?“, wollte dieser wissen.
„Ja, und es sagt, dass auf deinem Feld ein Schatz vergraben liegt. Wenn du diesen ausgräbst, wird wieder alles gut wachsen“, erzählte der älteste Bruder. Sogleich ging der Alte auf sein Feld und mithilfe seiner Tochter fand er den Schatz. „Bitte bleib bei uns. Du kannst den Schatz haben und meine Tochter heiraten!“, bat der Alte.
Doch der Mann sprach: „Das geht nicht, ich habe mein Glück geweckt und will nach Hause und gute Ernte einbringen.“ Alles Bitten nützte nichts, der Älteste wanderte weiter heimwärts.
Endlich kam er zu dem Löwen. „Hast du dein Glück geweckt?“
„Oh ja“, sagte der Mann und erzählte alles, was er auf der Reise erlebt hatte. Der Löwe hörte zu und fragte: „Und welche Antwort gab dir dein Glück auf meine Frage?“
„Nun, es sagte, dass du erst satt wirst, wenn du den grössten Dummkopf, den du triffst, gefressen hast.“
Der Löwe dachte einen Moment nach und sagte dann: „Nachdem ich deine Geschichte gehört habe, scheint mir, dass du der grösste Dummkopf bist, denn ich je getroffen habe.“ Daraufhin riss er sein grosses Maul auf und verschlang den ältesten Bruder in einem Happs.

Märchen aus dem Iran. Fassung Djamila Jaenike, nach: D. L. R. und E. O. Lorimer, Persien Tales, London 1919, © Mutabor Märchenstiftung

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