Mutabor Märchenstiftung

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Die alte Schmidja

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

Erzählt in Walliser Mundart von der Erzählerin Luciana Brusa. Zu hören im Freilichtmuseum Ballenberg in der Kapelle aus Turtig.

Nah am Aletschgletscher soll einst ein vom Alter schwarzes Holzhäuschen gestanden haben. Dort lebte die alte Schmidja. Sie betete viel für die armen Seelen im Aletschgletscher, die dort auf Erlösung warten. Besonders in den langen Winternächten sass sie im Kerzenlicht fleissig am Spinnrad und betete. Wenn sie dann zu Bett ging, öffnete sie das Fenster und erlaubte den armen Seelen, sich in ihrer Stube zu wärmen: «Jetzt  – aber ohne mir zu schaden!», sagte sie, liess noch einen Kerzenrest brennen und legte sich schlafen.  Nicht lange, da trippelten und trappelten unzählige, kaum hörbare Schritte, als wenn sich viele Menschen in die Stube und um den warmen Ofen drängten. Nach dem Läuten der Betzeitglocken hörte sie das gleiche Trippeln wieder, bis es endlich still war.
Einmal aber blieb die alte Schmidja länger als sonst wach. Draussen war es bitterkalt. Da hörte sie vor dem Fenster Stimmen: «Schoch, die alte Schmidja, spinnt noch.»
«Ich will nur noch dieses Löckchen Werg fertigspinnen», rief die alte Schmidja.
Aber es dauerte nicht lange, da rief es von Draussen aus der Kälte noch stärker: «Schoch, die alte Schmidja spinnt noch!»
Da wurde sie ungeduldig: «Wenn ihr nicht warten könnt, bis ich fertig bin, so kommt halt jetzt.» Sie vergass aber zu sagen: «Ohne mir zu schaden!» Die Haustür öffnete sich wie durch einen Windstoss, man hörte Tritte von vielen, vielen Füssen und dazu ein Rauschen, aber sehen konnte man niemanden.
Da wurde es der alten Schmidja unheimlich und eng um die Brust mit den vielen verstorbenen Seelen in der Stube und sie dachte: «In Zukunft will ich schneller fertig spinnen und früher ins Bett gehen, so dass die armen Seelen nicht mehr so lange in der Kälte warten müssen.» Und so machte sie es auch, bis zum letzten Tag ihres Lebens. Da lag sie auf dem Bett und von draussen hörte man die Stimmen der armen Seelen, die riefen: «Schoch, die alte Schmidja, lebt noch!»
Die Alte öffnete noch einmal die Augen und sah vor ihrem Fenster viele Lichter, von ihrem Haus bis zum Gletscher. Es waren die Lichter, die sie ihren Lebtag für die Armen Seelen hatte brennen lassen. Da huschte ein Lächeln über das Gesicht der Alten und sie tat ihren letzten Atemzug. Nun leuchteten die armen Seelen der alten Schmidja den Weg, hinüber auf die andere Seite.

Fassung D. Jaenike,nach:  M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, Sitten 1872 ©Mutabor

Interessant zu wissen:
Die Zeit zwischen dem Betglockenläuten am Abend und am frühen Morgen war den Geistern der Verstorbenen, den armen Seelen, vorbehalten. Vor allem Kinder sollten nicht nach dem Betenläuten das Haus verlassen. Bis heute zünden Menschen Kerzen an, um der Verstorbenen zu gedenken. In der Kapelle der armen Seelen im «Aletschji» auf der Belalp hängt ein Bild der alten Schmidja, wie sie den Faden spinnt und an den Wänden erinnern Bilder an Verstorbene. «Schoch!», ist ein alter Ausdruck, der so viel sagt wie: «Mich friert».