Die weissen vögel
Erzählt in Thurgauer Mundart von der Erzählerin Rahel Ilg. Zu hören im Freilichtmuseum Ballenberg im Bauernhaus aus Uesslingen.
Vor langer Zeit wanderte einmal der Teufel über die Erde und kam in den Thurgau. Er staunte, wie schön Gott diesen Flecken Erde erschaffen hatte und wie fleissig und fromm die Menschen dort waren. Je länger er durch die schöne Landschaft lief, umso mehr ärgerte er sich und bald hatte er einen Plan geschmiedet.
Als er über den Seerücken kam, sah er ein stattliches Dorf und dachte sich: ‹Hier werde ich sicher einige dumme Bauern finden, die ich übertölpeln und mit in die Hölle nehmen kann›.
Als Erstes traf er auf einen Bauern, der eben dabei war, die frisch geernteten Äpfel und Birnen zu Saft zu pressen. Der Bauer bot dem Fremden einen Schluck Apfelmost an. Der Teufel kannte das herrliche Getränk nicht und wollte gerne noch mehr davon haben. Der Bauer war einverstanden, doch etwas kam ihm seltsam vor an dem Fremden, und als er sah, dass dieser Bocksfüsse besass, sprach er: «Am besten ist es, wenn man direkt aus dem Fass trinkt. Schaut, es ist noch ein wenig drin.»
Er hielt dem Teufel das halbleere Fass hin und als dieser sich darüber beugte, schubste der Bauer ihn hinein und machte schnell den Deckel zu.
Nun begann der Teufel zu schimpfen und rumoren im Fass.
«Lass mich raus, lass mich raus!», rief er.
Der Bauer liess ihn eine Weile schreien, dann sagte er: «Gut, ich lasse dich frei, wenn du mir sieben Goldtaler gibst.» Der Teufel versprach es. Da hob der Bauer den Deckel ein wenig, nahm das Geld und der Teufel verschwand wie der Blitz aus dem Fass. Wer weiss, wo er hingegangen ist, im Thurgau hat man ihn nie wieder gesehen.
Quelle: Neu erzählt nach: O. Sutermeister, Schwyzer-Dütsch, Zürich 1888 © Mutabor
Interessant zu wissen
Der Obstanbau im Thurgau ist so bekannt, dass sich gar der Begriff Mostindien etabliert hat. Im Frühling verwandelt sich die Landschaft in ein blühendes Paradies. Die Kunst bei der Herstellung vom sauren Apfelwein, dem Most, ist die richtige Gärung im Fass, das nicht ganz geschlossen werden darf, damit Gase entweichen. Wird der Most im Herbst angesetzt, ist er an Weihnachten ausgegoren.