Der alte Senn
Eine Voralpe im Appenzellerland heisst das Unghürflüehle, weil in jener Hütte es unrichtig sei, so dass niemand gern dort über Nacht blieb. Ein armer Gaisbueb, dem es eines Abends zu spät wurde, in seine Hütte zu gehen und dort sich nicht fürchtete, blieb über Nacht hier. In der zwölften Stunde öffnete sich die Hüttentür, ein alter Senn mit gelben Hosen und rotem Brusttuch kam herein, stillschweigend nahm er die Löffel und Messer, legte sie auf den Tisch, holte einen Napf mit Milch, dann Käse, stellte alles nebeneinander und schaute immerfort nach der Tür, als erwarte er jemand zum Essen. Nach etwa einer halben Stunde stellte er alles wieder ans Ort, wo er’s weggenommen und ging hinaus. Er schien den Gaisbueb nicht zu bemerken. Derselbe schlich ihm nach. Vor der Hütte stand ein Brunnen. Dort auf dem Brunnenkopf sass der Senn, den Kopf in die Hand gestützt. Der Bueb schlich näher; da sah der Senn auf und plötzlich war er verschwunden. Der Bueb erzählte manchmal, er könne nicht begreifen, wohin er gegangen sei. Er habe kein Aug von ihm gewandt, er müsse unsichtbar geworden sein.
Quelle: Dr. J. Heierli, Sagen aus dem Kanton Appenzell. Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Band 10,1906.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch