Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der Leichenzug

Land: Schweiz
Kanton: Solothurn
Kategorie: Sage

 

Ein Stallknecht im Wirtshaus zur Krone, den die Leute, die es mir erzählten, noch kannten, erwachte einst gegen Mitternacht; da nun der Vollmond aber vom unbewölkten Herbsthimmel alles hell erleuchtete, glaubte er, der Morgen breche schon an, und machte sich schnell aus dem Bette, um für seine Pferde Tränke zu holen. Als er gegen den Brunnen kommt, schlägt in dumpfen Schlägen die zwölfte Stunde, und vom Propsteigässlein her unter dem alten Kirchhofe wankt ein Leichenzug daher, schaurig Psalmen singend Priester voran und hintennach ein unübersehbarer Zug in schwarzen Mänteln, alle mit leichenblassen, geisterhaften Gesichtern. Da ergreift den Knecht unheimliches Grausen, und so schnell er kann, flieht er in seine Kammer zurück. Doch bald holten die Nachtgeister den unglücklichen Seher zu sich, und ehe ein Jahr vorbei war, war der junge, vollkräftige Bursche tot.

Aus: R. M. Kully, H. Rindlisbacher, Die älteste Solothurner Sagensammlung, in: Jurablätter. Monatsschrift für Heimat- und Volkskunde, 1987. Mit freundlicher Genehmigung von R.M.Kully. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch