Ein Marchstreit
In Kerns war einmal eine erbitterte Gemeindeversammlung betr. Alpmarchen. Unversöhnlich wollten die Parteien auseinander gehen. Da betrat Pfarrer Ignaz Spichtig (1830—1860) die Spielstud (Ratsherrenbank). Männiglich fragte, was der wohl wolle, da ihn die Sache der Alpgenossen nichts angehe. Der Pfarrer aber sprach, er habe nun gehört, dass es sich um Grenzstreitigkeiten handle; er bitte und beschwöre alle Anwesenden, dass sie ihren Vorfahren alles verzeihen, was sie auf den Alpen Unrechtes getan haben. Denn es sei hart zuzusehen, welche Scharen abgeschiedener Seelen da wandeln müssen. „Mancher von Euch würde erstaunt sein, wenn er sähe, dass sein eigener Vater oder Bruder ihm begegnete, die da oben wandeln müssen."
Und so eindringlich predigte der Pfarrer in's Herz der schier Unversöhnlichen, dass selbst wetterharten Männern die Tränen verstohlen ins Nastuch rannen, das sie, scheinbar den Schweiss ihres Antlitzes wegzuwischen, hervorgezogen hatten. Der Marchenstreit wurde dann gütlich beigelegt.
Aus: Franz Niederberger Sagen und Gebräuche aus Unterwalden, Sarnen 1924. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch