Der nächtliche Opfergang
Ein frommer gottesfürchtiger Mann war viele Jahre lang Knecht beim alten Sigristhans in Giswil. Aber nicht nur die landwirtschaftlichen Arbeiten musste dieser Knecht verrichten, sondern auch, weil der Sigrist alt und gebrechlich war, einen grossen Teil der Obliegenheiten in der Kirche besorgen. So muhte er auch, wie das ja üblich ist, morgens vier Uhr zum Beten läuten. In der ersten Zeit, als sich der junge Knecht noch etwas fürchtete und scheute, zu so früher Stunde in die Kirche zu gehen, hörte und sah er durchaus nichts, wie ängstlich er sich auch umsah; ja nach und nach war es ihm gleich, tags oder nachts in die Kirche zu gehen. Ein Jahr später hörte er regelmässig, wenn er im Glockenturm läutete, durch den grossen Gang zum Opfer gehen, ja es kam so weit, dass er die Leute sah und kannte; der vorderste vom Leidvolk war derjenige, dem das Leidtragen galt. Er berichtete hierüber dem Pfarrer Dillier, welcher ihm verbot vom Gesehenen etwas unter die Leute zu bringen.
Aus: Franz Niederberger Sagen und Gebräuche aus Unterwalden, Sarnen 1924. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch