Eine Totenfeier
Es ist jetzt schon einige Jahre her, da kehrte eines Abends spät ein Obwaldner aus Luzern dem See entlang nach Hause zurück. Auf dem Wege sah er in der Gegend von Nieder- stad eine kleine Scheune, aus der ein Lichtstrahl schimmerte. Er verwunderte sich darüber und trat aus Neugierde hinein. Aber was er da sah, machte ihm das Blut erstarren. Ein Sarg, umgeben von mehreren Lichtern, stand wenige Schritte von ihm entfernt und im Sarge drin lag er selber. — Wer beschreibt den Schrecken des Mannes! Mit aller Kraft raffte er sich noch zusammen und hatte den Mut in Eile wenigstens ein „Vater unser" an seinem eigenen Sarge zu beten, dann lief er, so schnell ihn seine Füsse zu tragen vermochten, nach Hause.
Nun ging ein Jahr vorüber und der Mann vergass allmählich, was er in jener schrecklichen Nacht erlebt. Wiederum kam er an einem Abende von Luzern her an diese Stelle und ohne dass er sich an das Vorgefallene erinnerte, badete er unweit der Scheune im See, denn der Tag war sehr heiss gewesen. Aber, ach Gott, er ertrank und man trug seinen Leichnam in die nämliche Hütte, wo der Verunglückte sich vor einem Jahre tot gesehen.
Aus: Franz Niederberger Sagen und Gebräuche aus Unterwalden, Sarnen 1924. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch