Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die armen Seelen im Beinhaus

Land: Schweiz
Kanton: Obwalden
Kategorie: Sage

Am 9. Mai 1791 am Feste des hl. Beat starb in Lungern ein frommer Priester: Pfarrer Joh. Bapt. Amgarten. Viele wundersame Geschichten werden heute noch von ihm erzählt. Dieser Priester hatte die fromme Gewohnheit, allabendlich ins Beinhaus hinabzusteigen und dort für die Verstorbenen zu beten. Dies erweckte die Neugierde einiger mutwilliger Knaben. Sie fassten den Plan, eines Abends in der Dämmerung auch dort hinzugehen, sich hinter den Mauern der Seitenwände des Chorbogens zu verstecken und zu erspähen, was der Pfarrer jeden Abend im Beinhaus tue. Gesagt, getan! Als sie in ihrem Verstecke, von wo sie alles wahrnehmen konnten, sich aufgestellt hatten, hörten sie eine lange Reihe von Leuten in's Beinhaus kommen. Doch sahen sie kein sterbliches Bein. Nach einer Weile kam auch der Pfarrer, der für die armen Seelen betete.

Später einmal begegneten unsere fürwitzigen Burschen ihrem Seelsorger. Dieser stellte sie zur Rede: „Quält euch die Neugierde nicht mehr, ins Beinhaus zu kommen um lauschen, wie ich für die Verstorbenen bete?"

Pfarrer Amgarten hat auch vorausgesagt, dass er am Tage des Festes des hl. Beat, zurzeit, da die Leute von dem vormittägigen Gottesdienste aus der Kapelle dieses Heiligen in Obsee zurückkehren, sterben werde. Pünktlich erfüllte sich die Ahnung.

Aus: Franz Niederberger Sagen und Gebräuche aus Unterwalden, Sarnen 1924. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch