Der gespenstige Stuhl
Früher befand sich zuoberst auf der steinernen Treppe des Rathauses zu Solothurn ein altmodischer, mit Leder überzogener Stuhl, den man mit heimlichem Grauen betrachtete. Denn auf diesem Stuhle hatte vor vielen Jahren ein ungerechter Ritter Unschuldige zu schrecklicher Folter verurteilt und die Klagen des Volkes abgewiesen. Darum musste er nun alle Nächte von Mitternacht bis gegen Morgen auf diesem Stuhle sitzen und Busse tun für seine Ungerechtigkeit; der alte Stuhl befand sich am Morgen immer auf der nämlichen Stelle, mochte man ihn auch entfernen oder gar am Abend im Nebenhause einschliessen. Erst seit 1830 ist der gespenstische Stuhl im Rathaus verschwunden; wahrscheinlich ist damals der Geist des ungerechten Richters erlöst worden.
Quelle: P. Keckeis, M. Kully, Sagen der Schweiz. Solothurn, Zürich 1987. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch