Das Roggenleni
Auf dem Roggen bei Balsthal geht in den Nächten das Roggenleni um, ein den Menschen übel gesinntes Gespenst. Vor Zeiten wagte keiner den Roggen zu betreten, und wer es tat, der fand oft tagelang den Heimweg nicht. Zu Lebzeiten war das Leni ein schönes Mädchen, das in einer Hütte hauste. Vater und Mutter waren früh verstorben. Von da an zog es von Hof zu Hof, suchte Arbeit, wo es Arbeit gab. Doch wilde Burschen verführten das Mädchen. Vier Kinder zählte man schon in ihrer Hütte und als ein fünftes sich einstellte, erwürgte sie es in wildem Zorn und gab sich dann selbst den Tod.
Da wollten die einen sie als Hexe verbrennen oder an den Galgen knüpfen; doch man trug ihren Leichnam auf den Roggen hinauf und warf das unselige Weib über die Fluh, wo sie am höchsten war. Seither kann es seine Ruhe nicht mehr finden und geht als Roggengespenst um.
Quelle: P. Keckeis, M. Kully, Sagen der Schweiz. Solothurn, Zürich 1987. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch