Das Moosweibchen und der Hirt
Auf dem Born an der Dünneren weidete ein Hirt von Kappel seine Ziegen. Einst, als ein wildes Gewitter die Tiere auseinanderscheuchte, fehlten ihm beim Nachhausegehen vier davon. Vergebens ging er durch das Gebüsch und kletterte alle Halden hinan. Keine Spur, und er fürchtete die Besitzer, wenn er ohne Geissen heimkehrte. Plötzlich stand ein Moosweibchen vor ihm, hüpfte wie am Schnürlein herum, schüttelte sein kurzes Röcklein und machte den flinksten Hopser. Aber dem Burschen vertrieb die Angst und auch das flache Mieder sowie das braune und runzlige Gesicht des Weibleins jeden sinnlichen Gedanken und er fragte bloss: «Hesch mer mini Geisse niene gseh?» Da pfiff das Weibchen wie ein Mäuschen aus der Nase, wiegte zierlich das Röcklein hin und her und sagte:
Eis, zwee, drei,
dini Geisse sy nit heil
«Eben darum bin ich ja hier», sagte der Hirt. Da sagte das Moosweibchen:
Eis, drei, zwee
Dyni Geisse han-igseh.»
Sogleich war das Moosweibchen durch die Stauden und das Jungholz verschwunden, und ein heftiger Wind fuhr durch die Bäume. Über diesem Hexenspiel hätte der Hirt fast seine Geissen vergessen. Doch schon standen alle vier wie hergeblasen vor ihm, und er machte sich auf den Heimweg.
Quelle: P. Keckeis, M. Kully, Sagen der Schweiz. Solothurn, Zürich 1987. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch