Der weisse Mann von Hauenstein
Einst hatte sich der Ammann von Hauenstein in einer kalten, finsteren Februarnacht im Dorfe Trimbach verspätet. Wie er sich auf dem Heimweg dem Ifenthaler-Graben näherte, erinnerte er sich jenes mutwilligen Streites zwischen den beiden Dorfschaften. Als wäre es erst gestern geschehen, sah er den erschlagenen Trimbacher wieder vor sich liegen, und Sorge und Reue quälten ihn Wie er so weiter wanderte, gewahrte er plötzlich, wie in der Ferne ein weisser Flecken auftauchte. Bald musste er feststellen, dass die weisse Erscheinung immer grösser wurde und menschliche Gestalt annahm.
Wie der sonderbare Unbekannte festen Schrittes an ihm vorüberziehen wollte, konnte sich der Ammann nicht enthalten, ihn mit dem höhnischen Zuruf: «Du bist auch gar weiss» herauszufordern. Eine hohle Bassstimme entgegnete: «Hüte dich, dass du nicht bald noch weisser bist!» Diese Antwort hatte der Ammann nicht erwartet. Zu Hause angekommen, riss er die baumwollene Mütze vom Kopfe. Was sah er? Mit der Kappe löste sich auch das kohlschwarze Haupthaar und fiel zu Boden. Nur wenige silbergraue Locken blieben dem Glatzkopf erhalten. Der Ammann aber streute vorsichtigerweise aus, eine Krankheit, die er sich in jener Winternacht zugezogen habe, sei schuld daran, dass er kahlköpfig geworden.
Quelle: P. Keckeis, M. Kully, Sagen der Schweiz. Solothurn, Zürich 1987. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch